Walpurgisnacht, 30 April:
Wir haben extra unsere Ferien verkürzt, um Cradle live in Pratteln zu sehen. Am ersten schönen Tag, der auf eine Reihe Regentage folgt, verlassen wir unser gemütliches Feriendomizil, um in den Genuss von etwas ganz neuem zu kommen. Wir fahren von Graubünden nach Pratteln, wo wir am späteren Nachmittag ankommen. Das Gepäck ist schwer und mit den Wanderstöcken am Rucksack sehen wir aus wie Hinz und Kunz bei der Erstbesteigung des Mount Pratteln, aber ganz bestimmt nicht wie zwei Metal-Freaks. Wie auch immer, wir kommen irgendwann mit wehen Füssen in unserem Hotel an, mitten in der Industriezone und nur wenige Meter vom Z7 weg, wo das Konzert stattfinden soll. Erst mal das Quartier beziehen und Gepäck loswerden, fünf Minuten die Füsse baumeln lassen und dann die Lage sortieren. Gehen wir erst essen und dann das Z7 suchen? Der Hunger wäre da, aber die Neugierde siegt. Erst einmal durch das ganze Quartier latschen ohne Erfolg, mmh, wo ist denn dieses verd…. Z7???
Meine Kollegin Kath hat die gute Idee, den Feldweg entlang zu gehen, der wie ein Parkplatz aussieht. Ein Stück der Autobahn entlang, dann kommt eine Querstrasse, da stehen der Reihe nach drei grosse Busse. Ein blauer, ein grüner und ein brauner. Na wenn das mal nicht die Tourbusse sind! Ganz langsam schleichen wir vorbei, vor dem blauen Bus stehen ein paar Leute, wahrscheinlich Crew-Mitglieder. So neugierig wir auch sind, der Hunger treibt uns in die Stadt.
Die meisten Kneipen sehen nicht so einladend aus, so dass wir erst einmal die ganze Hauptstrasse entlang spazieren, bis wir endlich auf dem Rückweg eine gemütliche kleine Pizzeria gefunden haben. Ich nenne sie jetzt der Einfachheit halber Marcos Pizzabude und den Inhaber Marco. Nach dem Essen kommen wir mit Marco ins Gespräch, er meint, die Band, irgendwelche schwarzgekleideten Engländer, hätten um 18 Uhr bei ihm zu Abend gegessen. Um 18 Uhr! Da hatten wir gerade mal das Z7 gefunden! Das darf doch wohl nicht wahr sein, wir haben Cradle gerade mal um zwei Stunden verpasst, sonst hätten wir in dem kleinen, etwa 5 Tische fassenden Raum mit ihnen zu Abend gegessen! Was wir uns geärgert haben!
Um 22 Uhr gehen wir zum Hotel zurück, da in dieser Ortschaft gar nichts mehr los ist um die Zeit. Müde sinken wir in die Kissen, können aber trotzdem keinen erholsamen Schlaf finden. Um drei Uhr des Nachts werden wir geweckt von lautem Gequatsche vor unserem Hotel. Es ist ein Polizeiauto draussen. Naja gut, das ist jetzt nicht weiter merkwürdig, vielleicht machen die Patroullie.
Freitag, 1 Mai:
Wir quälen uns aus den Betten, fassen Frühstück und stellen fest, dass wir nicht die einzigen Metal-Freaks sind, die dort wohnen. Mein Appetit lässt zu wünschen übrig und wir gehen nachher noch ein bisschen in die Stadt, sehen uns die Gegend an, essen irgendwo noch einen Salat und gegen 14 Uhr stehen wir wieder vor den Bussen. Die Hitze macht uns zu schaffen und so beschliessen wir, zurück ins Hotel zu gehen und uns ein wenig hinzulegen.
Gesagt getan. Als wir dort, bei offenem Fenster dösen, hören wir auf einmal, dass der Soundcheck losgeht. Da wir die Vorgruppen nicht kennen, ist die Musik neu für uns und wir dösen vorerst noch friedlich vor uns hin. Nach gut einer Stunde hören wir dann ein paar vertraute Klänge und sind sofort Hellwach. In die Schuhe, fertig, los. Vor dem Z7 sitzen schon ein paar Leutchen herum, zu denen wir uns gesellen. Erst wird nur der musikalische Soundcheck durchgeführt, dann aber plötzlich hören wir Mr. Filth ins Mikro kreischen. Da keine Schranken da sind und das Z7 geöffnete Türen hat, pirschen wir uns langsam an und gucken hinein. Viel zu sehen gibt es nicht, es ist ziemlich dunkel drinnen, bis auf die Umrisse von Dani und der Band ist nichts zu erkennen. Doch die geballte Ladung an Cradle-Sound, der uns da draussen schon fast umhaut, lässt auf ein Super-Konzert hoffen. Nymphetamine wird unter anderem auch geprobt, obwohl dieser Song Abends dann doch nicht gespielt wird. Umso wertvoller ist dieser Soundcheck hinterher für uns. Den Meister Nymphetamine singen hören ist das Grösste!*Wir sind Unwürdig*
Nachdem Cradle den Soundcheck beendet haben, beginnt die Crew, die Abschrankung aufzubauen und wir werden weggescheucht. Rasch ins Hotel, Tickets holen und wieder hingerannt, hechel, ja wir schaffen es aller Voraussicht nach in die 1. Reihe! Die paar Nasen vor uns machen die Reihe nicht voll, also haben wir gute Chancen. Das Volk ist gemischt, es hat französisch-, italienisch- und deutschsprechende Leute. Die Stunde vor dem Tor vergeht wie im Fluge, einmal spaziert Dani vorbei, aber so rasch dass ich ihn nur noch verschmitzt lächelnd in der Türe verschwinden sehe. Dann gehen die Tore auf, Tickets werden gezückt, Ellbogen ausgefahren und die Meute stolpert in die Dunkelheit. Nach kurzer Orientierungslosigkeit finde ich die Bühne und renne wie eine Irre darauf zu. Geschafft, 1.Reihe Mitte. Neben uns zwei Jungs, die mit uns die ganze Stunde gewartet haben. Bald schon sind wir in Gespräche vertieft die nur Metal-Heads interessieren.
Es dauert nicht lange, da geht das Licht aus und die 1. Band, Dead Shape Figure heissen sie, betritt die Bühne. Sie sind nicht schlecht, haben mich aber auch nicht aus den Socken gehauen. Die Musik ist mir zu wenig hart. Sie spielen nicht sehr lange und der Umbau danach ist schnell vollbracht. Dann kommen Turisas auf die Bühne. Und die Post geht ab, aber richtig! Sänger Mathias heizt so ein, dass innert kürzester Zeit die Stimmung am überkochen ist. Es ist einfach der Hammer! Oli fiedelt was das Zeug hält, Netta macht eine gute Figur an der Handorgel und wir haben Party!
Danach wieder kurzer Umbau und Moonspell stehen auf der Bühne. Sie geben alles, und im Gegensatz zu Turisas bringen sie eine schöne, dunkle Stimmung in die Halle. Fernando legt sein ganzes Herzblut in die Performance und es ist wirklich eine gelungene Sache. So aufgeheizt sind wir alle Reif für Cradle of Filth, die auch gleich nach einer wiederum kurzen Umbauphase die Bühne entern.
Was soll ich zu dem Auftritt der Jungs sagen? Es war einfach der Hammer! Dani ist bei Stimme, der ganze Sound klingt live besser als ab DVD. Martin sieht man hinter seinen Drums gar nicht, Paul und Dave geben alles und James, oh Gott, er hat sooooo tolle Haare! Rapunzel, lass dein Haar herunter! We love you!!!
Das Set ist zwar etwas kurz, nur etwas über einer Stunde, aber das Material ist gut ausgewählt und alles hat gestimmt. Und wir haben die Ehre, Edwina Filth auf der Bühne zu erleben! Sieht einfach nur Geil aus, anders kann ich es nicht beschreiben. Nach „From the Cradle to Enslave“ ist erst mal „the end of every sing“.
Erst den Durst gelöscht, dann die Geldbörse gezückt und ab an den Goodies-Stand. T-Shirt, Sweatshirt, Anhänger…was nehm ich denn bloss alles? Das Mädel am Stand lacht mich an, weil mir buchstäblich der Sabber runter läuft bei all den coolen Sachen. Nachdem das Geld ausgegeben ist und die T-Shirts übereinander angezogen sind, gehen wir hinaus um noch bei den Bussen vorbei zu schauen. Dort hat sich schon ein Trüppchen eingefleischter Fans zusammengefunden, alle mit der Hoffnung, den einen oder anderen von der Band zu sehen. Es dauert auch nicht lange, da kommt Oli von Turisas, gefolgt von ein paar Mitgliedern von Moonspell. James kommt heraus, schüttelt sein Haar und mischt sich unters Volk. Auch Dave lässt nicht lange auf sich warten, er findet sich alsbald in ein angeregtes Gespräch mit ein paar Fans verwickelt. Wir pirschen uns an und lassen uns ein Autogramm geben. Eine Stunde vergeht, die Rufe nach Dani werden lauter. Und plötzlich, ehe man sich’s versieht, steht er da. TATA! Mit Köfferchen, was erstmal im Bus verstaut wird. Dann krault er den Hund von Fans, gibt Autogramme und posiert vor der Kamera. Da unser Fotoapparat leider im Hotel geblieben ist, geben wir uns mit einem Autogramm zufrieden und ich bekomme noch einen Handschlag. Wow, was will man mehr?
Dani steigt irgendwann in den Bus, James tut es ihm gleich und auch Dave löst sich langsam von dem weiblichen Fan, mit dem er ein Bierchen getrunken hat. Die Fans stehen noch am Strassenrand und winken, als die Busse sich langsam in Bewegung setzen und die Strasse hochkämpfen.
Zurück im Hotel wird noch rasch der Verpflegungsautomat geplündert und wir treffen auf Daves Bekanntschaft. Aufgedreht wie wir sind, können wir noch nicht schlafen und auch die anderen Fans sind auf der Suche nach einer Bar oder Kneipe, um noch ein wenig den Eindrücken hinterher zu hängen.
Der Morgen danach ist grausig, denn es heisst wieder zurück zur Normalität. Wir checken zur gleichen Zeit aus wie Daves Bekanntschaft. „Am liebsten gleich ans nächste Cradle-Konzert, was?“ meint sie zu uns. Oh ja, das kannst du laut sagen.
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